Wolfstränen

Wie jeder Mensch weiss, schreiben wir Hunde keine Bücher, legen keine Bibliotheken an und erzählen einander auch keine grossen Geschichten über alte Zeiten. Wir besuchen keine Schulen und Universitäten, jedenfalls nicht zu dem Zweck zu dem Menschen das tun. Neben vielem anderen ist das ein Grund, warum Menschen denken, wir würden auf einer niedrigeren Stufe stehen als sie selbst.

Sie irren sich.

Der Grund, warum wir all das nicht tun, ist dass wir uns erinnern. Wir erinnern uns an die Tage unserer fernsten Vorfahren. Es ist nicht die selbe Art Erinnerung wie wir sie in unserem eigenen Leben ansammeln. Es ist eine subtile Art der Erinnerung, sie ist schwer zu fassen. Manchmal hat man nur eine diffuse Ahnung, dass man sich gerade an die Alten erinnert hat. Oft kommen die Erinnerungen in unseren Träumen zu uns und erzählen uns von den Ahnen, von ihrem Leben und ihren Entscheidungen. Seltener gelingt es uns, diese Träume nach dem Erwachen festzuhalten. Aber hin und wieder haben wir dieses Glück und wir schätzen es sehr.

Vergangene Nacht ist mir so etwas passiert. Ich bin aus einem Traum erwacht und kann mich an alle Einzelheiten erinnern. Ich will Euch davon erzählen:

Es war in jenen fernen Tagen, als am Himmel mehr Sterne zu sehen waren als in allen Städten der Menschen von heute Lichter. Als wir noch Teil eines grösseren Ganzen waren, das zu funktionieren schien. Irgendwie funktioniert es auch heute noch. Aber es hat seinen Zauber verloren. Ich spreche von der Natur, von Allem, von der allumfassenden Energie des Lebens. Zu diesen Zeiten spürten wir die Grossartigkeit unseres Daseins jederzeit mit allen Fasern unseres Körpers. Wir huldigten dem Leben, wir beteten es an. Oft versammelten wir uns in klaren Nächten und heulten unsere Ehrfurcht hinaus.

Es war am frühen Abend in diesen alten Zeiten, als ich neben meiner Mutter über eine Wiese zu einem Bach lief. Sie hatte vorher einen Hasen gejagt und ich war satt. In einiger Entfernung grasten Elche. Sie wussten, dass von uns keine Gefahr ausging und ließen sich daher nicht dabei stören. Von weiter Ferne konnte man das Trompeten einer Mamutherde hören. Die Sonne war kaum noch zu sehen, der ganze Himmel glühte in samtigen rot, orange und gelb. Einige Wolken verzauberten das Abendlicht zu wabernden Schleiern. Es roch nach Gräsern, nach all den Blumen, die überall blühten und nach dem frischen Wasser des Baches in der Nähe. Der Wind wehte den zarten süßlichen Pollenduft der Ginkgowälder weiter südlich herüber.

Als wir den Bach erreichten, überraschten wir ein Zweibeinerweibchen. Vielleicht hatte sie uns auch erwartet, das war von unserer Perspektive aus schwer festzustellen. Sie hielt eine Speerschleuder in der Hand, deren löffelförmig geformtes Ende sie über der Schulter hielt. Gerade in dem Moment als wir praktisch direkt in ihrem Gesichtsfeld auftauchten, stand sie auf und schleuderte den Speer, der in der Schleuder eingespannt war, zu uns. Es ging viel zu schnell, um in irgend einer Weise darauf zu reagieren. An die nächsten Momente kann ich mich kaum noch erinnern. Wage nahm ich das Heulen meiner Mutter wahr. Der Speer hatte sie getroffen. Ich saß benommen neben ihr, unfähig mich zu bewegen. Ihr Heulen erstarb in einem herzzerreißendem Winseln. Ich sah, wie sie mich zum letzten Mal ansah, als ob sie mir sagen wollte: "Paß auf Dich auf mein Kleiner. Wir werden uns wiedersehen, mach Dir keine Sorgen."

Das nächste an das ich mich erinnern kann war ein kleines Feuer. Zunächst wollte ich weglaufen aber ich konnte mich irgendwie nicht von Fleck rühren. Das Zweibeinerweibchen saß neben dem Feuer und betrachtete mich. An ihren Wangen liefen Tränen herunter. Ich konnte deutlich spüren, dass sie mit mir Mitleid hatte. Eigenartig, da sie ja diejenige war, der ich meinen Verlust zu verdanken hatte. In Ermangelung besserer Alternativen beschloss ich jedoch vorerst zu bleiben wo ich war. Trotz meiner Furcht vor dem Feuer hielt mich gleichzeitig etwas dort. Ihre Präsenz bedeutete mir, dass mir in ihrer Nähe nichts passieren würde. Vorerst zumindest. Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein.

Ich erwachte vom Zwitschern der Vögel. Etwas schien mich zu tragen. Ich schaute in den Himmel, der sich hin und her bewegte. Hin und wieder konnte ich am Rand meines Blickfeldes Blätter wahrnehmen. Ich rappelte mich auf und stellte fest, dass ich auf einem Fellbündel gelegen hatte, direkt ihr gegenüber. Sie hielt etwas langes in den Händen und tauchte es in regelmäßigen Abständen in etwas unter uns ein. Dem Ding mit meinem Blick folgend traf mich die Erkenntnis wie ein Schock. Wir befanden uns auf dem Wasser! Wir schwammen auf einem Ding, dass die Zweibeinerin offenbar gebaut hatte. Es kam mir wie Magie vor. Ich zitterte vor Angst. Das Ding schaukelte recht heftig auf den Wellen und wegen ihrer Ruderstöße herum und ich befürchtete, jederzeit ins Wasser fallen zu müssen.

Plötzlich öffnete sie den Mund und gab einige Laute von sich. Ich kannte diese Laute, die die Zweibeiner von Zeit zu Zeit verwendeten. Meine Mutter und ich hatten sie mehr als einmal heimlich bei ihrer Jagd beobachtet. Die Laute dieser hier aber waren völlig anders. Sie waren sehr leise und sanft. Wie etwas weiches und zerbrechliches schwebten sie zu mir herüber, als ob ein Lufthauch sie jeden Moment forttragen könnte. Und mit einem Mal ging es mir viel besser. Die Wärme ihrer sanften Laute strömte durch mich hindurch, füllte mein Herz mit Vertrauen und Sicherheit. Sie war eindeutig etwas besonderes.

Nun da ich mich beruhigt hatte, verzog sie ihre Lippen. Später lernte ich, dass es ein Lächeln war, ein Ausdruck der Freude. Sie gab keine weiteren Laute von sich und fuhr fort, den langen Stock ins Wasser zu tauchen. Während das Ufer langsam an uns vorbei schwebte, beobachtete ich sie eingehender. Sie hatte kein Haar im Gesicht und wie wir einmal herausgefunden hatten, als wir einen der Zweibeiner tot am Ufer eines Sees fanden, waren auch sonst keine Haare an ihrem Körper. Aber der Kopf war von ihrem Haar bedeckt. Es war hell und leuchtete in den vereinzelten Sonnenstrahlen, die zwischen den Bäumen hindurchglitzerten. Sie hatte hier und da Strähnen miteinander verwoben, in diese Strähnen waren Bänder eingearbeitet, weisse und blaue. Es flatterte im Wind und ein paar ihrer Haare fielen ihr immer wieder ins Gesicht und sie blies sie gekonnt aus dem Weg. Über ihrer Schulter hatte sie einen Umhang aus feinem Leder. Er war beinahe vollständig mit komplizierten Mustern bedeckt. Ich konnte kleine Knochen erkennen, aus denen sich Bilder von Tieren ergaben. Am Hals hatte sie eine Kette aus schillernden Muscheln.

Irgendwann konnte ich ein Geräusch wahrnehmen. Zuerst war es kaum mehr als das Rascheln der Blätter. Aber es schien immer näher zu kommen. Und es wurde lauter. Mit der Zeit kristalisierten sich einzelne Stimmen von Zweibeinern heraus und mir wurde klar, dass wir uns einer Ansammlung ihresgleichen nähern mussten. Wieder schenkte sie mir ihr warmes Lächeln. Mit einem Mal war ich ziemlich aufgeregt. Irgendwie erfasste mich eine unheimliche Neugier. Der Fluss machte gerade eine Biegung und da konnte ich sie sehen. Auf einer Lichtung in der Biegung hatten die Zweibeiner viele Zelte aus Leder aufgestellt. Ich konnte nicht sagen wie viele, mir kam es vor wie ein ganzer Wald aus Zelten. Und zwischen den Zelten wimmelte es von ihnen. Die meisten liefen zum Ufer um meine Zweibeinerin zu begrüssen. Sie schienen sie wohl sehr vermisst zu haben und die Freude in den Lauten der Anderen war schwer zu überhören. Und es gab viele kleine Zweibeiner. Ihre Jungen haben viel hellere Stimmen und sie waren bekannt dafür ebenso tollpatschig zu sein wie unsereins in der Jugend.

Hier möchte ich diese Geschichte beenden. Ich habe neue Freunde gefunden und während ich erwachsen wurde, erkannte ich zusehends, dass sie mich brauchten. Ich konnte viel für sie tun. Und ich blieb mein ganzes Leben an der Seite der Zweibeinerin, die mich gefunden hatte.

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Gone

Der Hund, der hier immer schrieb, wird es nicht mehr tun. Ich, sein Herrchen, muss leider an dieser Stelle mitteilen, dass er gegangen ist.

letzter abdruck

Tut mir leid, dass ich nicht mehr für Dich tun konnte, mein Dicker. Vielleicht kannst Du mir eines Tages verzeihen.