Virtual Reality

Es war dunkel in der Wohnung. Irgendwo glimmerte ein roltes Licht, wahrscheinlich eine Standby-LED von irgend einem Gerät. Es war staubig und der Boden machte einen eher ungepflegten Eindruck. Die Luft roch abgestanden und alt. Der Kühlschrank war leer und mein Futternapf ebenso. Ich saß am Boden als der Mensch aufwachte. Mein Mensch, mein Mitbewohner, wenn er diese Bezeichnung überhaupt noch verdiente.

Er ächzte und sog rasselnd die muffige Luft ein, was sofort zu einem Hustenanfall führte. Das übliche Trauma, wenn man aus der VR zurückkehrte. Der Mensch versuchte, sich aufzusetzen aber es blieb bei dem Versuch. Ein kratzendes Geräusch war von ihm zu vernehmen.

"Willkommen unter den Lebenden."

"Spar Dir Deinen Zynismus für bessere Gelegenheiten, Hund!", ätzte er zurück. Ich konnte mir ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen.

"Du siehst mitgenommen aus." Er bedachte mich mit einem säuerlichen Blick, der Bände sprach. Ich behielt lieber jeden weiteren Kommentar für mich.

"Hab ich was verpasst?", wollte er wissen. "Eine Menge. Eine ganze Menge, mein Lieber. Hast einen Haufen Sachen unerledigt rumliegen lassen, während Du ständig in der VR herumgeeiert bist."

"Scheisse."

"In der Tat. Darf ich Dein Gedächtnis auffrischen?"

"Leck mich, Köter!"

"Ungern. Ich betrachte das einfach mal als ein Ja. Ein paar Leute sind ziemlich sauer auf Dich, weil Du sie ignoriert hast. Du weisst von wem ich spreche."

Der Mensch gab ein missmutiges Brummen von sich. Ein erstes Zeichen der Selbsterkenntnis. Man kann sich über die beschränkten geistigen Fähigkeiten von Menschen aufregen wie man will, aber sie sind sich zumindest ihrer Schwächen bewusst. Manchmal.

"Du hast Dich inzwischen zu einem waschechten Sozipathen entwickelt."

"Ich war schon immer ein Sozipath!", gab er sichtlich beleidigt zurück. Typisch menschliches Verhalten. Wenn der Mensch nichts hat, hinter dem er seine Schwächen verbergen kann, geht es ihm nicht gut.

"Negativ. Du bist erst durch Deine ständigen Aufenthalte in der VR dazu geworden. Muss ich Dich erst daran erinnern, wann Du Dich das letzte Mal mit einem Freund im RL getroffen hast?"

Irgendwas ging in dem Mensch vor sich. Hinter seiner Stirn arbeitete es sichtlich. Man konnte beinahe hören, wie sich das Räderwerk seines primitiven Gehirns langsam in Bewegung setzte.

"Ich muss"

"etwas ändern, richtig!", brachte ich seinen Satz zu Ende. "Wer hat Dich gefragt, Hund!", er hatte es inzwischen fertiggebracht, sich zu erheben und ging nun zu seiner VR Console hinüber.

"Was tust Du da?"

"Was wohl, Löschen.", erwiderte er und tippte weiter einige Befehle ein. "Und Du meinst, das hilft?" "Wenn nicht, hab ich ja immer noch diesen Mistköter, der mich permanent an meine Schlechtigkeiten erinnert."

"Danke für das Kompliment."

"Ich bin fertig mit diesem VR Mist. Die können mich alle mal kreuzweise. Und gebracht hat es eh nichts. Also was solls."

Ich wedelte hocherfreut mit dem Schwanz ob seinem Entschluss. Ob er endgültig war, war schwer zu sagen. Menschen sind zwar leicht zu durchschauen, aber leider ebenso unberechenbar.

Mein Mitbewohner schaltete die Console ab und schnappte sich das Telefon. "Raus mit Dir, Hund!", sagte er schroff und machte eine Handbewegung Richtung Tür.

"Vergiss nicht, ihr einen schönen Gruss von mir zu bestellen, nachdem Du Dich entschuldig hast." Ich wartete nicht auf eine Antwort sondern trottete bewusst langsam aus dem Zimmer.

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